Blog: Psychologie für Alltag & Arbeitswelt

Positive Bildung: Was brauchen junge Menschen, um wirklich aufzublühen?

Was müsste im Leben unserer Schüler:innen in 20 Jahren wahr sein, damit wir sagen können: Sie führen ein gelungenes Leben?

Mit dieser Frage begann meine Fortbildung mit dem Kollegium des Lise-Meitner-Gymnasiums in Böblingen zum Thema Positive Psychologie und Glücksunterricht.

Nicht mit einer Definition. Nicht mit einem neuen Unterrichtskonzept. Und auch nicht mit der nächsten Methode, die Lehrkräfte zusätzlich in einen ohnehin schon vollen Schulalltag integrieren sollen.

Sondern mit einem Blick nach vorne.

Woran würden wir es erkennen?

An einem guten Schulabschluss? An beruflichem Erfolg? An finanzieller Sicherheit?

Oder auch daran, dass diese jungen Menschen tragfähige Beziehungen führen können? Dass sie ihre Stärken kennen? Dass sie mit Krisen und Rückschlägen umgehen können? Dass sie sich als selbstwirksam erleben? Dass sie Sinn und Orientierung finden und ein Leben gestalten können, das sich für sie gut und stimmig anfühlt?

Genau an dieser Stelle beginnt für mich Positive Bildung.

Bildung ist mehr als die Vermittlung von Wissen

Der Begriff Positive Education wurde insbesondere durch die Arbeiten des Psychologen Martin Seligman und seiner Kolleg:innen geprägt. Ihre grundlegende Idee klingt zunächst erstaunlich schlicht: Schule sollte junge Menschen nicht nur dabei unterstützen, traditionelle Kompetenzen zu erwerben, sondern auch Fähigkeiten fördern, die zu psychischem Wohlbefinden und einem gelingenden Leben beitragen.

Seligman und Kolleg:innen beschrieben Positive Education bereits 2009 als Bildung für traditionelle Fähigkeiten und für Wohlbefinden. Ihre Forschung zeigte zudem, dass Kompetenzen wie Resilienz, positive Emotionen, Engagement und Sinn nicht einfach Eigenschaften sind, die manche Menschen besitzen und andere nicht. Sie können entwickelt und gefördert werden.

Das bedeutet nicht, dass Schule plötzlich dafür verantwortlich wäre, Kinder „glücklich zu machen“.

Und es bedeutet erst recht nicht, Probleme schönzureden oder unangenehme Gefühle aus dem Klassenzimmer zu verbannen.

Positive Psychologie beschäftigt sich wissenschaftlich mit einer anderen Frage:

Was lässt Menschen psychisch gesund bleiben, wachsen und aufblühen?

Neben der wichtigen Frage, was Menschen krank macht und psychisches Leiden verursacht, rückt die Positive Psychologie eine zweite Perspektive in den Fokus: Was stärkt Menschen, was hält sie psychisch gesund und was lässt sie aufblühen?

Für Schule ist dieser Perspektivwechsel hochrelevant.

PERMA: Was Menschen zum Aufblühen brauchen

Ein zentraler Bezugsrahmen der Positiven Psychologie ist das PERMA-Modell von Martin Seligman. Es beschreibt fünf Bereiche menschlichen Wohlbefindens:

P – Positive Emotions: positive Emotionen erleben und wahrnehmen können
E – Engagement: eigene Stärken einsetzen, aufgehen in einer Tätigkeit und Flow erleben
R – Relationships: tragfähige und unterstützende Beziehungen erfahren
M – Meaning: Sinn, Bedeutung und Zugehörigkeit erleben
A – Accomplishment: Ziele erreichen, Kompetenz und Selbstwirksamkeit erfahren

Für mich liegt die Stärke dieses Modells gerade darin, dass es Wohlbefinden nicht auf „glücklich sein“ reduziert.

Ein gelungenes Leben besteht nicht aus permanent guter Laune.

Es braucht Beziehungen. Stärken. Herausforderungen. Sinn. Erfolgserlebnisse. Die Fähigkeit, mit schwierigen Emotionen umzugehen. Und die Erfahrung: Ich kann etwas bewirken.

Genau deshalb eignet sich PERMA so gut als wissenschaftliches Grundgerüst für Positive Bildung.

Positive Bildung beginnt bei den Erwachsenen

In der Fortbildung am Lise-Meitner-Gymnasium war mir deshalb eines besonders wichtig: Wir haben PERMA nicht sofort auf Schüler:innen übertragen.

Wir haben zunächst auf uns selbst geschaut.

Was gibt mir Energie? Wann erlebe ich Flow? Welche Beziehungen tragen mich? Wo erlebe ich Sinn? Wann fühle ich mich kompetent und selbstwirksam?

Denn Positive Bildung funktioniert aus meiner Sicht nicht über Arbeitsblätter allein.

Eine Lehrkraft kann Beziehung nicht glaubwürdig „unterrichten“, wenn Beziehung im Schulalltag keine Rolle spielt. Stärkenorientierung bleibt eine nette Übung, wenn Schüler:innen ansonsten überwiegend über ihre Defizite wahrgenommen werden. Und Wohlbefinden wird nicht Teil einer Schulkultur, nur weil einmal im Monat eine Glücksstunde stattfindet.

Dass die Lehrkräfte selbst eine zentrale Rolle spielen, zeigt inzwischen auch die Forschung. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung des österreichischen PERMA.teach-Programms mit 155 Lehrkräften und 1.402 Schüler:innen fand bei den teilnehmenden Lehrkräften unter anderem höhere Lebenszufriedenheit, mehr positive Emotionen sowie mehr Engagement und stärkeren Einsatz eigener Charakterstärken im schulischen Kontext. Besonders interessant war zudem die Bedeutung der emotionalen Übertragung zwischen Lehrkräften und Schüler:innen.

Positive Bildung beginnt deshalb nicht erst beim Kind.

Sie beginnt bei den Menschen, die Schule gestalten.

Von der Wissenschaft in den Schulalltag: vier Schritte

Genau daraus entstand auch der Aufbau meiner Fortbildung. Mir geht es nicht darum, Schulen einen fertigen „Glückskoffer“ hinzustellen. Positive Bildung muss zur jeweiligen Schule, zu ihren Schüler:innen und zu den Lehrkräften passen.

Dafür arbeite ich in vier Schritten.

1. Verstehen: Was sagt die Wissenschaft?

Zunächst braucht es ein gemeinsames fachliches Fundament.

Was verstehen wir unter Wohlbefinden? Was unterscheidet Positive Psychologie von positivem Denken? Welche Rolle spielen positive Emotionen, Beziehungen, Charakterstärken, Selbstwirksamkeit, Resilienz oder Sinn?

Lehrkräfte müssen verstehen, warum eine Intervention wirken kann, bevor sie entscheiden können, ob und wie sie in ihren Unterricht passt.

Positive Bildung sollte deshalb nicht bei Methoden beginnen, sondern bei psychologischem Verständnis.

2. Erleben: Was bedeutet das für mich selbst?

Im zweiten Schritt wird aus Wissen Erfahrung.

Denn viele Konzepte der Positiven Psychologie werden erst verständlich, wenn wir sie auf das eigene Leben beziehen.

Wo liegen meine Stärken? Was lässt mich aufblühen? Welche Beziehungen tragen mich? Wann erlebe ich Selbstwirksamkeit? Was gibt meiner Arbeit Bedeutung?

Diese Selbstreflexion ist keine nette Zugabe zur Lehrerfortbildung.

Sie ist Teil des Transfers.

Denn was ich selbst erlebt und verstanden habe, kann ich anders vermitteln als etwas, das ich lediglich von einer Präsentationsfolie kenne.

3. Übersetzen: Was bedeutet das für Schule und Unterricht?

Erst jetzt kommt die entscheidende Frage:

Was bedeutet diese Erkenntnis für unsere Schüler:innen?

Aus „Relationships“ wird beispielsweise nicht einfach eine Unterrichtsstunde über Freundschaft. Wir können fragen:

Wie erleben Schüler:innen Zugehörigkeit in ihrer Klasse?
Wie gestalten wir Lehrer-Schüler-Beziehungen?
Wie reagieren wir auf Fehler?
Wie fördern wir gegenseitige Unterstützung?

Aus „Engagement“ entstehen Fragen nach Stärken, Motivation und Flow.

Aus „Accomplishment“ wird die Frage, wie Schüler:innen Kompetenz und echte Selbstwirksamkeit erleben können und ob schulischer Erfolg ausschließlich über Noten definiert wird.

Und aus „Meaning“ können Fragen entstehen wie:

Wofür lerne ich das eigentlich? Wo kann ich etwas beitragen? Wo werde ich gebraucht? Wo mache ich einen Unterschied?

Damit verlässt Positive Bildung die Ebene einzelner Übungen und erreicht den tatsächlichen Schulalltag.

4. Verankern: Wie wird daraus Schulkultur?

Der vierte Schritt ist der schwierigste und gleichzeitig entscheidende.

Positive Bildung darf kein zusätzliches Projekt sein, das engagierte Lehrkräfte für einige Monate durchführen und das anschließend zwischen all den anderen Schulprojekten verschwindet.

Die Frage lautet deshalb:

Wo findet Positive Bildung dauerhaft ihren Platz?

Im Glücksunterricht? In bestehenden Fächern? In Klassenlehrerstunden? In Feedback- und Gesprächskultur? In Projekttagen? In der Zusammenarbeit des Kollegiums? In der Haltung gegenüber Schüler:innen?

Aktuelle Forschung unterstützt genau diesen Blick. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2026 kommt zu dem Ergebnis, dass schulweite Ansätze gegenüber isolierten Einzelprogrammen Vorteile haben können. Besonders bedeutsam zeigten sich dabei Sicherheit, authentische Beziehungen und eine institutionelle Verankerung von Wohlbefinden.

Die entscheidende Frage lautet also nicht:

„Welche Glücksübung machen wir nächste Woche?“

Sondern:

„Welche Schule wollen wir für junge Menschen sein?“

Wohlbefinden oder Leistung? Diese Trennung führt in die falsche Richtung

Bei Positive Bildung entsteht schnell der Verdacht, Schule werde dadurch „weich“.

Als müssten wir uns entscheiden zwischen Leistung und Wohlbefinden.

Doch genau diese Gegenüberstellung greift zu kurz.

Wohlbefinden bedeutet nicht, Anforderungen abzuschaffen. Junge Menschen dürfen sich anstrengen. Sie dürfen scheitern. Sie dürfen Frustration erleben und lernen, mit ihr umzugehen.

Aber Lernen findet nicht losgelöst von psychologischen Bedingungen statt.

Beziehung, Sicherheit, Zugehörigkeit, Motivation, Selbstwirksamkeit und psychische Gesundheit beeinflussen, wie junge Menschen sich auf Lernen einlassen können. Eine aktuelle systematische Übersicht beschreibt entsprechend einen Zusammenhang zwischen einem unterstützenden Schulklima, Engagement, Anwesenheit und schulischer Entwicklung.

Auch die Forschung zu Interventionen der Positiven Psychologie zeigt insgesamt positive, wenn auch keineswegs magische Effekte. Aktuelle Übersichtsarbeiten finden kleine bis moderate Verbesserungen des subjektiven Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit; besonders gut untersucht sind unter anderem Interventionen zu Dankbarkeit, Charakterstärken und prosozialem Verhalten. Gleichzeitig weist die Forschung auf methodische Grenzen hin. Positive Bildung ist also kein Wundermittel.

Und genau diese wissenschaftliche Nüchternheit gehört für mich dazu.

Glücksunterricht ist deshalb viel mehr als „über Glück reden“

Wenn Schulen mich bei der Einführung von Glücksunterricht oder Positiver Bildung anfragen, geht es mir nicht darum, ein fertiges Curriculum über das bestehende System zu stülpen.

Ich möchte gemeinsam mit Lehrkräften eine Brücke bauen:

von der psychologischen Forschung zur pädagogischen Praxis.

Dafür verbinde ich Erkenntnisse der Positiven Psychologie mit dem Wissen und der didaktischen Erfahrung der Menschen, die jeden Tag mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Denn die Lehrkräfte wissen, was in ihrer Schule möglich ist. Sie kennen ihre Schüler:innen, ihre Strukturen und ihren Unterricht.

Meine Aufgabe sehe ich darin, das psychologische Fundament zu liefern, Zusammenhänge sichtbar zu machen, wissenschaftlich fundierte Impulse und Interventionen einzubringen und gemeinsam daraus etwas zu entwickeln, das zur jeweiligen Schule passt.

Genau das haben wir am Lise-Meitner-Gymnasium begonnen.

Im ersten Workshop entstand zunächst eine gemeinsame Grundlage: Was wissen wir aus der Wissenschaft über ein gelingendes Leben und was bedeutet das für uns selbst und für Schule?

Im nächsten Schritt geht es um den Transfer: Welche dieser Erkenntnisse sollen sich im Glücksunterricht wiederfinden? Was findet bereits statt? Was fehlt? Welche konkreten Unterrichtseinheiten können daraus entstehen? Und wie kann Positive Bildung über einzelne Stunden hinaus im Schulalltag sichtbar werden?

Vielleicht müssen wir Bildung wieder von ihrem Ende her denken

Am Ende führt mich Positive Bildung immer wieder zu der Frage zurück, mit der der Workshop begonnen hat:

Woran würden wir in 20 Jahren erkennen, dass die jungen Menschen, die heute in unseren Klassenzimmern sitzen, ein gelungenes Leben führen?

Natürlich wünsche ich ihnen Wissen.

Natürlich wünsche ich ihnen einen guten Schulabschluss und berufliche Möglichkeiten.

Aber ich wünsche ihnen noch etwas anderes.

Dass sie wissen, wer sie sind.

Dass sie ihre Stärken kennen.

Dass sie Beziehungen gestalten können.

Dass sie nach Rückschlägen wieder aufstehen.

Dass sie erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht.

Dass sie wissen, was ihnen wichtig ist.

Und dass sie nicht nur gelernt haben, in dieser Welt zu funktionieren, sondern auch, ihr eigenes Leben zu gestalten.

Wenn Bildung junge Menschen auf ihr Leben vorbereiten soll, dann gehören genau diese Fähigkeiten für mich mitten hinein.

Das ist Positive Bildung.

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