7. Mai 2026
PERMA+4: Warum dieses erweiterte Wohlfühlmodell gerade in herausfordernden Lebenssituationen trägt
Manchmal gibt es Lebensphasen, in denen wir das Gefühl haben, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Alles wird zu viel, Entscheidungen werden schwer, das Nervensystem fährt auf Alarm, und der Alltag fühlt sich an wie ein einziger Drahtseilakt. Menschen erleben das in Trennungssituationen, in neuen Patchworkkonstellationen, bei beruflichen Veränderungen, wirtschaftlicher Unsicherheit oder in Zeiten, in denen Belastungen aus vielen Richtungen gleichzeitig kommen.
Viele Klientinnen berichten mir in solchen Momenten: „Ich kann gerade nicht mehr unterscheiden, was wirklich das Problem ist.“ Oder: „Ich weiß, dass so viel zusammenkommt, aber ich kann es nicht mehr sortieren.“ Genau an diesem Punkt setzt das PERMA+4-Modell an – ein wissenschaftlich erweitertes Rahmenwerk der Positiven Psychologie, das eine ganzheitliche und gleichzeitig unglaublich hilfreiche Perspektive auf unser Wohlbefinden bietet.
Das ursprüngliche PERMA-Modell von Martin Seligman beschreibt fünf Bereiche, die unser Wohlbefinden tragen: positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn und das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Und diese fünf Bereiche haben sich über viele Jahre hinweg als stabile Grundpfeiler gezeigt. Was jedoch in den letzten Jahren deutlich wurde – gerade durch die Forschung von Donaldson und Kolleg:innen – ist, dass modernes Leben, moderne Krisen und moderne Anforderungen mehr benötigen als diese fünf Bausteine allein.
Deshalb wurde PERMA um vier weitere Komponenten erweitert: körperliche Gesundheit, Mindset und psychologisches Kapital, die Qualität unserer Umgebung und die erlebte Sicherheit im Leben. Zusammen bilden sie PERMA+4 – und dieser Rahmen zeigt erstaunlich präzise, warum wir in belastenden Phasen so reagieren, wie wir reagieren, und wo die eigentlichen Hebel für Stabilität liegen.
Was mich an PERMA+4 besonders überzeugt, ist die Klarheit, die dieses Modell schafft.
Plötzlich lässt sich sichtbar machen, wie viel Einfluss zum Beispiel unser körperlicher Zustand auf unsere mentale Verfassung hat. Wenn wir – wie so viele in stressigen Zeiten – erschöpft sind, schlecht schlafen, ständig unter Strom stehen oder anhaltend angespannt sind, dann fehlt unserem System schlicht die Kraft, um emotional flexibel oder belastbar zu sein. Das ist kein „falsch denken“ oder „nicht positiv genug sein“. Das ist Biologie. Unser Körper ist Teil unserer psychischen Stabilität. Und wenn er schwach ist, kostet alles andere mehr Energie.
Ähnlich verhält es sich mit dem Mindset: Resilienz, Hoffnung, Optimismus oder Selbstwirksamkeit sind gerade in Krisenzeiten nicht nur „schöne Konzepte“, sondern psychologische Ressourcen, die nachweislich darüber entscheiden, wie gut wir Herausforderungen bewältigen können. PERMA+4 zeigt, wie eng diese mentalen Schutzfaktoren mit dem restlichen System zusammenwirken – und wie wir sie auch in schweren Zeiten wieder stärken können.
Auch unser Umfeld – ob beruflich, privat oder familiär – spielt eine entscheidende Rolle. In Patchworkkonstellationen, in angespannten Beziehungssystemen oder in Zeiten beruflicher Unsicherheit spüren viele Menschen, wie sehr das äußere System auf das innere wirkt. PERMA+4 macht das sichtbar: Wie unterstützend ist meine Umgebung? Wo erlebe ich Druck? Wo entsteht Chaos, das mein Nervensystem zusätzlich belastet? Und an welcher Stelle kann ich durch Klarheit, Abgrenzung oder neue Strukturen wieder Stabilität gewinnen?
Ein weiterer Baustein, der in der Forschung immer mehr Bedeutung bekommt, ist die erlebte Sicherheit. Damit ist keine Finanzberatung gemeint, sondern das Gefühl von Planbarkeit, Orientierung und innerer Stabilität. Auch hier zeigt sich ein zentraler Punkt: Sobald Unsicherheit zunimmt – egal ob durch Unterhaltsregelungen, berufliche Stundenreduzierung oder eine allgemeine Zukunftsangst – steigt der Stresslevel, und das gesamte emotionale System wird anfälliger.
PERMA+4 erklärt diese Wechselwirkung nicht moralisch, sondern wissenschaftlich. Unsicherheit löst Alarmzustände aus. Und Alarm erschwert Wohlbefinden.
Was PERMA+4 für mich so wertvoll macht, ist, dass es kein „Wohlfühlmodell“ ist. Es ist ein Stabilitätsmodell. Es zeigt, wie und warum wir in bestimmten Lebensphasen aus der Balance geraten – und es macht sichtbar, wo wir ansetzen können, um wieder zu uns zurückzufinden.
Menschen berichten oft schon nach einer ersten Standortbestimmung, dass sie plötzlich verstehen, was die letzten Wochen oder Monate so schwer gemacht hat. Dass sie sehen können, dass nicht „alles falsch“ ist, sondern dass vielleicht ein oder zwei Bereiche gerade besonders viel Kraft ziehen. Und dass es gleichzeitig Ressourcen gibt, die weiterhin tragen und stabilisieren.
PERMA+4 schafft Ordnung im Chaos. Es beruhigt das Nervensystem, weil es Orientierung schafft. Es zeigt Möglichkeiten auf, ohne Druck. Und es stärkt die Fähigkeit, trotz äußerer Unsicherheit wieder innere Stabilität aufzubauen.
Gerade für Menschen, die viel tragen müssen, die zwischen Rollen navigieren, die unter hoher emotionaler Last stehen oder deren Alltag durch externe Faktoren ins Wanken geraten ist, kann dieses Modell ein kraftvoller Anker sein – wissenschaftlich fundiert, menschlich verständlich und unglaublich hilfreich in der Anwendung.
